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FAZ 13.08.17: Der Mensch ist Leib und Seele



Der Zölibat macht katholischen Priestern nicht nur in jungen Jahren zu schaffen. Im Alter droht die Einsamkeit. Manche brechen vorher aus. Von Leonie Feuerbach

Als der Priester Joachim Bauer in den Ruhestand ging, sagte ein Freund halb im Scherz zu ihm, jetzt könne er ja endlich heiraten. „Aber so ist es ja leider nicht“, sagt Bauer, 78 Jahre alt, wenige Falten, weißer Haarkranz, stattlicher Bauch. Sein Leben lang hat er mit dem Zölibat gerungen, nicht immer erfolgreich, weshalb er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. „Die Wünsche nach Sex, nach Liebe und Familie, die waren immer da“, sagt er, „und sie sind noch nicht ganz weg.“

 

Mal ging er zu einer Prostituierten, mal verliebte er sich, einmal brannte er durch, verschwand für zwei Monate mit einer Frau aus seiner Gemeinde und kehrte dann doch zurück. Seinen Lebensabend aber verbringt er ganz allein. Damit kommt er ganz gut zurecht; in jungen Jahren litt er stärker an der erzwungenen Enthaltsamkeit als jetzt. Bei anderen Priestern ist es umgekehrt.

 

Zum Beispiel bei Franz Decker. Zum fünfzigsten Jubiläum seiner Priesterweihe hat er unlängst mit einem Dutzend Kollegen aus seinem Jahrgang einen offenen Brief geschrieben. Darin heißt es unter anderem, der Zölibat sei nur selten „spirituelle Quelle“, bedeute für die unterzeichnenden Priester aber Einsamkeit im Alter. Der ehemalige Direktor der Caritas in Köln, 74 Jahre alt, groß und schlank, graues Haar und Schnurrbart, wünschte sich zwar in seiner aktiven Zeit als Priester auch immer mal wieder eine Frau und Kinder. Aber er arbeitete damals zwölf Stunden täglich, hatte das Gefühl, gebraucht zu werden, und war Menschen nah: in der Seelsorge, bei Trauungen und Trauerfeiern. Jetzt, im Ruhestand, verbringt er so viel Zeit in dem roten Ledersessel in seinem Häuschen in einem dörflichen Teil Kölns wie nie zuvor. Er sagt: „Das ist ein neues Gefühl der Einsamkeit, das ich früher so nicht kannte.“

 

Tatsächlich bedeutet der Zölibat nicht nur die oft thematisierte Enthaltsamkeit in jungen Jahren. Sondern auch, und das wird erst langsam als Problem erkannt, Einsamkeit im Alter. Denn katholische Priester legen bei ihrer Weihe das Versprechen ab, bis zu ihrem Tod enthaltsam zu leben. Der ereilte sie früher manchmal noch im Beruf. Heute werden die Priester wie alle Menschen immer älter, leben nach ihrer aktiven Zeit im Beruf noch viele Jahre. Die wenigsten von ihnen haben noch eine Haushälterin, die in vielen Fällen oft mehr war als das, immer aber eine Ansprechpartnerin im Alltag. Manche Pfarrer lebten früher auch ein Leben lang mit der Mutter oder Schwester zusammen. Heute gibt es kaum noch Frauen – egal ob verwandt oder nicht –, die es als Erfüllung betrachten, für einen Pfarrer zu putzen, zu bügeln und zu kochen.

 

Bei einer aktuellen Befragung zeigte sich, dass nur noch ein Siebtel der Priester über 65 Jahren mit einer Haushälterin zusammen wohnte. Manche lebten in Familien oder Wohngemeinschaften, die meisten mit mehr als sechzig Prozent allein. Wie kommen sie damit zurecht?

 

„Nach Vorstellung der Kirche setzt der Zölibat Kräfte frei, aber mich hat er eher Kräfte gekostet“, erzählt Joachim Bauer an seinem Esstisch, „meinen Kopf und mein Herz blockiert.“ Hinter ihm an der Wand hängt eine große Jesus-Statue am Kreuz, Heiligenfiguren stehen im Flur. Er habe die Hoffnung, dass Gott ihn annehme, wie er sei – als Mann, der es nicht geschafft hat, ganz auf „geschlechtliche Betätigung“ zu verzichten, wie er es formuliert.

 

Wie die Lücke füllen? Manche stürzen sich in Arbeit

 

So offen wie Joachim Bauer will Franz Decker nicht über unerfüllte Bedürfnisse sprechen. Er sagt nur, dass er immer wieder mit dem Zölibat gehadert habe – zum Beispiel, als seine Geschwister Kinder bekamen. Oder wenn er sich verliebte, was ihm im Laufe seines Lebens immer mal wieder geschah. Auf Fragen, was das erzwungene Alleinsein bedeutet, antwortet er ausweichend, mit Sätzen wie: „Beziehungen, die nicht da sind, sind nicht aufbauend für den Beruf.“ Wie diese Lücke füllen? Manche stürzten sich in Arbeit. Für sie sei der Priesterberuf alles, was sie an Beziehungen hätten. In der Überarbeitung verlören sie dann jegliche professionelle Distanz. Viele Priester seien aber auch deshalb überarbeitet, weil sie schlicht zu viel zu tun hätten, für immer mehr Gemeinden zuständig seien. Denn der Kirche mangelt es an Nachwuchs – auch wegen des Zölibats. Ließen sich im Jahr 2000 noch 154 Männer zu Priestern weihen, waren es fünfzehn Jahre später nur noch 58.

 

Franz Decker und die Kollegen, mit denen er den offenen Brief verfasst hat, glauben nicht, dass es der katholischen Kirche ohne den verpflichtenden Zölibat automatisch bessergehen würde. Schließlich hat die evangelische Kirche, in der die Pfarrer heiraten dürfen, auch ein Nachwuchsproblem. Und für mindestens so schwerwiegend wie den Priestermangel betrachten sie den Mangel an Gläubigen.

 

Gleichzeitig geht der Zusammenhang von Priestermangel und Zölibat sowie zunehmend überarbeiteten und einsamen Priestern tiefer, als auf den ersten Blick ersichtlich: Neben anderen Dingen ist es der Zölibat, der den Priesterberuf unattraktiv macht; wenige Priester sind deshalb für mehr Gemeinden zuständig, wodurch die verbliebenen Gläubigen kaum noch persönlichen Kontakt zu ihnen haben. Das entfernt die Kirche immer weiter von den Menschen, die Priester aber auch von den Gläubigen. Dabei ist es die menschliche Nähe durch die Seelsorge, welche die Einsamkeit durch den Zölibat in der Vergangenheit abmilderte.

 

Dorfgemeinschaften waren früher enger, ersetzten die Familie

 

Es gibt noch weitere Gründe für die Einsamkeit unter Priestern. Wunibald Müller ist Therapeut und hat jahrzehntelang das Recollectio-Haus für Pfarrer in Nöten geleitet. Er sagt: Dorfgemeinschaften waren früher enger und ersetzten dem Priester die Familie. Internetpornografie war noch nicht so verbreitet und verstärkt heute das Gefühl der Einsamkeit, weil sie Nähe vorgaukelt und den Konsumenten frustriert zurücklässt. Und die Mehrheit der Menschen und auch der Katholiken lehnt den verpflichtenden Zölibat heute ab. Wer sich in so großem Verzicht übt und dafür keine Anerkennung bekommt, fühlt sich aber besonders einsam.

 

Zu diesem Schluss kommt auch das Buch „Wie geht es den Seelsorgenden?“, das in diesem Frühjahr erschienen ist. Laut einer dort zitierten Befragung gaben in den neunziger Jahren außerdem deutlich weniger als die Hälfte der teilnehmenden Priester an, sie würden den Zölibat sicher wieder wählen. In einer eigens für das Buch durchgeführten Erhebung erklärten das prozentual zwar deutlich mehr Männer. Allerdings beantworteten die Männer über 65 diese Frage häufiger negativ als die jüngeren.

 

Auch wenn so vieles für eine Reform spricht: Im Gegensatz zu den Zeiten der Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil glauben Franz Decker und Joachim Bauer heute nicht mehr, dass sie die Abschaffung des verpflichtenden Zölibats noch miterleben werden. Seinen Ärger darüber kleidet Decker in geschliffene Sätze: „Ein einzelner Mann ist nicht das ursprüngliche Modell des Zölibats.“ Das stimmt: Entstanden ist der Zölibat in den Klöstern der Mönchsbewegung nach der Völkerwanderung. Die Mönche lebten, beteten und arbeiteten in einer Gemeinschaft. Sie führten kein Single-Leben wie heutige Priester. Von den Mönchen ging der Zölibat im Mittelalter auf die Priester über – wie und warum, ist nicht ganz klar. Die Idee, die Seele reinzuhalten für Gott, spielte ursprünglich eine Rolle. Jesus soll von Ehelosigkeit um des Himmelsreiches willen gesprochen und Paulus gesagt haben: „Wer heiratet, handelt gut, wer nicht heiratet, handelt besser.“ Ehelosigkeit war damit eine Möglichkeit, keine Pflicht. In der Spätantike kamen dann kultische Reinheitsgedanken hinzu. Ein weiterer, ziemlich profaner Grund für den Pflichtzölibat ist, dass Kirchenvermögen in der Kirche verbleiben und nicht vererbt werden sollte.

 

In den Ostkirchen leben die Priester nicht zölibatär

 

Als zwingend sieht selbst der Papst den Zölibat nicht an – kürzlich sprach Franziskus sich dafür aus, die Debatte darum, auch verheiratete, im Beruf stehende Männer zu Priestern zu weihen, wieder aufzunehmen. Und in den ebenfalls dem Papst unterstellten Ostkirchen, etwa in Russland und in der Ukraine, leben nur die Bischöfe, nicht aber die Priester zölibatär. Es gibt Umfragen, laut denen sich nur zehn bis vierzig Prozent der katholischen Pfarrer wirklich an den Zölibat halten. Die anderen leben in Geheimhaltung, Sorge und Scham.

 

So ging es lange Zeit auch Harald Neumann. Ein empfindsamer Mann Mitte 70, sanfte Augen hinter kreisrunden Brillengläsern. Auf der Kommode im Wohnzimmer seines Hauses in einer Stadt im Süden Hessens steht ein gerahmtes Bild seiner Hochzeit. Er sagt: „Ich sehe jetzt, wie bereichernd die Ehe ist – und wie bereichernd sie auch in meiner Zeit im Dienst gewesen wäre.“ Mit Mitte vierzig verliebte er sich in seine heutige Ehefrau. Ein unerwartetes und spätes Glück. Es folgten ein jahrelanges Versteckspiel, peinliche Zufallstreffen mit Gemeindemitgliedern in der Oper in einer anderen Stadt oder gar im Wanderurlaub in Österreich.

 

Und immer das Gefühl: Diese Heimlichtuerei passt nicht zu einer echten Partnerschaft. Erst mit Anfang sechzig kam dann die Hochzeit, durch die beide ihre Arbeit verloren. Sie will über diese schwierige Zeit gar nicht mehr sprechen. Er tut es nur unter der Bedingung, seinen richtigen Namen nicht zu nennen – und unter Tränen. Denn die Kränkungen, die er mit dem Ausscheiden aus seinem Beruf erfuhr, hat er bis heute nicht verwunden. Dennoch ist Harald Neumann froh, mit einer Partnerin alt werden zu können. Besonders genießt er die gemeinsamen Abende. Früher musste er nach dem Abendessen oft weg, zu Hausbesuchen oder Besprechungen, und dort die Rolle des zölibatär lebenden Priesters spielen. Jetzt folgt aufs Abendessen gemeinsames Entspannen auf dem Sofa, dann gemeinsames Zubettgehen. Für andere dröger Alltag, für Neumann ein unverhofftes Glück.

 

„Wenn man alleine bleibt, ist man oft verloren“

 

Er war in den vergangenen Jahren mehrmals schwer krank. Ohne seine Frau, glaubt er, hätte er die Krankheiten nicht überstanden. „Das ist ein Problem in unserem Beruf“, sagt er: „Wenn man alleine bleibt, ist man oft verloren.“ Sollte er wieder krank werden oder pflegebedürftig, wird sie da sein. „Es gibt ja diesen Spruch“, sagt er: „Liebe heißt, zusammen alt zu werden.“

 

Auch Waldemar Wolf ist ein Priester im Ruhestand, der mit einer Frau an seiner Seite alt wird. Mit seiner Edith sitzt er im gemeinsamen Haus in Hanau am Wohnzimmertisch, 77 Jahre alt, ein fröhlicher und redseliger Typ mit grauem Schnauzer, der Kaffee trinkt aus einer Tasse, auf der „Opa“ steht. Drei Kinder und fünf Enkel haben die beiden. „Ich weiß gar nicht, was Einsamkeit ist“, sagt Waldemar Wolf. Und: „Der Mensch ist nicht zum Alleinsein geboren.“ Wolf redet gerne und viel, über das „Faszinosum Liebe“, das alles ändere. Er kann nur mutmaßen, wie es ihm heute gehen würde, wäre er im Dienst geblieben. „Ein intensives Hobby? Einsamkeit, Alkohol?“

 

Mit 26 Jahren kam er als Kaplan nach Kleinostheim im Landkreis Aschaffenburg. Dort lernte er Edith Scheithauer kennen, damals 18 Jahre alt und Leiterin der Pfadfindergruppe. Mal eine Berührung mit den Füßen unterm Tisch, irgendwann der erste Kuss, dann lange nichts. Ein Bischof riet Wolf, noch ein paar Wochen zu warten – der Zölibat könne jeden Moment abgeschafft werden. So kam es nicht. Er heiratete, musste deshalb ohne Abschied nehmen zu dürfen den Ort verlassen, einen neuen Beruf erlernen, hatte Zukunftsängste. „Aber irgendwie hat am Ende immer alles geklappt“, sagt er. Für die beiden ist es eine Art göttliche Fügung: „Liebe ist ja nicht nur ein Gefühl“, sagt Waldemar Wolf. „Sondern es wird durch die Realität untermauert.“

 

Mit der Kirche brechen, mit einer Lüge leben oder in Einsamkeit altern?

 

Eigentlich habe er Karriere in seinem Beruf machen wollen. Aber der Zölibat führe in eine Sackgasse, sei ein Irrweg – im Gegensatz zur Liebe. Heute engagieren seine Frau und er sich deshalb in der Vereinigung katholischer Priester und ihrer Frauen – wer wegen einer Heirat aus dem Dienst ausscheidet, bleibt formal dennoch Priester. Im Namen der Vereinigung steckt aber auch ein gewisser Trotz. Waldemar Wolf glaubt, er hätte auch mit seiner Frau ein guter Pfarrer sein können. Doch diese Option besteht in der katholischen Kirche nun mal nicht.

 

Stattdessen scheint es nur drei Möglichkeiten zu geben: mit der Kirche zu brechen, mit einer Lüge zu leben oder in Einsamkeit zu altern. Doch so eindeutig ist es nicht. Denn viele Priester empfinden den Zölibat tatsächlich als Berufung. In der Nähe zu Gott fühlen sie sich nicht allein. Andere leben in christlichen Altersheimen der Caritas, leiten dort die Gottesdienste an. Und wieder andere leben in Wohngemeinschaften.

 

Zum Beispiel Karl Wunsch, ebenfalls Priester im Ruhestand und 74 Jahre alt. Wunsch hat ein zufriedenes rundes Gesicht, spricht im Schwarzwälder Singsang und trägt zum Fleecepullover Socken in den Sandalen. Im malerischen Weinheim an der Bergstraße lebt er in einem ehemaligen Klostergebäude zusammen mit drei anderen Priestern, ein fünfter wohnt nebenan und kommt zu den Mahlzeiten hinzu. Drei der fünf Männer sind im Ruhestand, zwei noch aktive Priester. Ihren Tag beginnen sie mit einem gemeinsamen Gebet und Frühstück, und sie beenden ihn, ebenfalls gemeinsam, mit den Abendnachrichten und dem Nachtgebet.

 

Sie alle finden: Der christliche Glaube lasse sich am besten in Gemeinschaft leben. Nicht umsonst habe schon Jesus Jünger um sich geschart. Ihre Lebensform ist allerdings eine Ausnahme: Priester-WGs gibt es nur eine Handvoll, oft entstehen sie aus Eigeninitiative. Manche Diözesen wollen das ändern und planen, Priesterhäuser aufzubauen. Andere nicht.

 

Mit Ausscheiden aus dem Dienst verlassen Priester die Gemeinde

 

Lässt die Kirche ihre Mitarbeiter hier im Stich, zwingt sie erst zur Ehelosigkeit und hat ihnen dann im Alter nichts gegen die Einsamkeit anzubieten? Und das, obwohl Pfarrer angehalten werden, nach Ausscheiden aus dem Dienst aus ihrer Gemeinde fortzuziehen, um Spannungen mit dem neuen Pfarrer zu vermeiden? Im Alter verlassen sie so nochmals ihr vertrautes Umfeld.

 

Schwer zu sagen. Denn die Nachfrage nach solchen Wohnformen ist nicht allzu groß. Das beobachten Karl Wunsch und seine Kollegen, aus deren Weihe-Jahrgängen die wenigsten Kollegen sich ein WG-Leben wie das ihrige vorstellen können. Und so argumentieren auch diejenigen Diözesen, die keine Priester-WGs anbieten oder aufbauen wollen: Gerade Männern im Übergang zum Ruhestand mache die Einsamkeit zwar zu schaffen. Nach Jahrzehnten des Alleinlebens seien aber die wenigsten offen dafür, ihren Alltag noch einmal mit einer anderen Person zu teilen. Karl Wunsch und seine Priesterkollegen können das verstehen. Das Zusammenleben ist für sie auch immer mal wieder anstrengend. Jedes Bild und jede Pflanze in den weitläufigen Fluren und Zimmern des großen Hauses haben sie gemeinsam ausgesucht, oft war das herausfordernd. In einer Ehe wäre das aber sicherlich nicht anders, sagen sie. Und dass sie nichts vermissen in ihrem Leben.

 

Am meisten scheint das bei Karl Wunsch zu stimmen. Fragt man ihn, woran das liegt, erzählt er, dass er mit sieben Jahren noch Lokomotivführer werden wollte, aber ab seinem zehnten Lebensjahr immer nur Priester. Schon als Kind war ihm klar, dass das bedeutet, keine Familie zu gründen. Für ihn war das keine unangenehme Vorstellung. Vielleicht auch, weil sein eigener Vater nichts mit ihm anfangen konnte, als er aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Körperliche Nähe bedeutet ihm wenig, er empfindet aber eine große emotionale Nähe zu Gott. Fragen ihn Freunde oder Bekannte, ob er glücklich sei, irritiert ihn das. Ihm ist es wichtiger, so zu leben, wie Gott es von ihm will, und dabei möglichst zufrieden zu sein.

 

Karl Wunsch empfindet den Zölibat als Berufung

 

Ist es auch eine innere Disposition, die das Leben ohne Partnerin oder Partner voraussetzt? Vermutlich ja. Und kann nur ein guter Priester sein, wer allein sein kann, ohne sich einsam zu fühlen? Bestimmt nicht. Auch Wunsch und seine Kollegen sehen das nicht so. Dafür, den Pflichtzölibat abzuschaffen, plädieren sie trotzdem nicht. Was ihre Gemeinschaft christlicher macht als eine Ehe, können sie nicht recht in Worte fassen. Im Gegensatz zu anderen Priestern empfinden sie den Zölibat aber als Berufung.

 

Joachim Bauer glaubt, für manche sei der Zölibat eine Berufung, für andere nicht. Für ihn war er das definitiv nicht, weshalb er jahrzehntelang gekämpft hat gegen das Verlangen nach körperlicher Nähe. Deswegen würde er heute nicht noch einmal Priester werden. Er sagt: „Diese ungeheure Kraft der Sexualität einfach nur anzuerkennen, aber ihr nicht nachzugehen: Wie das gehen soll, hat mir nie jemand erklären können.“ Wenn er mit einer Prostituierten schlief, hatte er ein schlechtes Gewissen. Es fühlte sich dann falsch an, vor der Gemeinde zu predigen, wo er sich doch als schwach und klein erwiesen hatte. Doch er fühlte sich danach auch leer. Denn ihm fehlte ja mehr als das Körperliche. In Tagträumen stellte er sich vor, eine Frau zu haben. Dabei ging es nicht nur um Sex, sondern auch ums gemeinsame Einschlafen, Gespräche am Küchentisch, beiläufige Berührungen. Um das Gefühl, geliebt und begehrt zu werden. Er sagt: „Der Mensch ist ja Leib und Seele.“

 

Auch Franz Decker glaubt, dass manche zum Zölibat berufen sind und andere nicht. Er selbst empfand nie die Enthaltsamkeit, wohl aber die Seelsorge als Berufung. Er sei Priester geworden, um die Welt zu verändern – das sagt er ganz ohne Ironie. In seiner Gemeinde, im Umgang mit Kindern, Witwen und Geflüchteten, und auch bei der Caritas, sei ihm das ein wenig gelungen – zumindest hoffe er das. Die Kirche als eine starke Gemeinschaft und Organisation hat ihm dabei geholfen, er hat sie dafür sogar gebraucht.

 

Doch Franz Decker ist sich sicher: Wenn sich die Kirche nicht reformiert, wird sie eines Tages verschwinden. Das wäre allerdings gar nicht so schlimm, findet er. Denn es gehe ja nicht um die Institution, sondern um die Lehre Jesu, also darum, den Menschen mit Liebe zu begegnen. Warum die romantische Liebe für die Kirche zumindest bei ihren wichtigsten Mitarbeitern nicht dazugehört: Das erschließt sich Franz Decker an seinem Lebensabend noch weniger als in all den Jahren zuvor.